Gedanken zur Verantwortung

Seit es ein wenig turbulent im Netz geworden ist und wir Autisten uns mehr und mehr schädlichen Therapien gegenüber gestellt sehen, frage ich mich ob wir so weiter machen können wie bisher.

Klar, viele von uns haben angefangen zu schreiben was ihnen auf der Seele lastet oder ihre Meinung in Blogs ausgedrückt. Doch für mich persönlich wirft es eine Frage auf. Autismus war ja lange Zeit nicht bekannt und wird meist erst seit Mitte der 80 jahre hier in Deutschland diagnostiziert. Also sind die Autisten die nun erwachsen geworden sind auch die erste Generation die von sich selber und ihren Erfahrungen erzählen können. So daß heutige Autistenkinder und ihre Familienangehörigen von uns profitieren könnten.

Haben wir denn hier auch eine Verantwortung? Liegt vielleicht in der Aufklärung sogar eine Art Pflicht für uns? Wir könnten uns ja denken, was habe ich mit den anderen Kindern oder Familien zu tun. Aber wenn das Wissen der Ärzte und Therapeuten nur aus dem Lehrbuch kommt und nicht von uns eigentlichen Autisten mal beschrieben wird, woher sollen dann die wertvollen Informationen für den  Alltag kommen? Ich denke das eine Therapie und die alleinige Diagnose nicht ausreicht um hier den Menschen zu erklären wie wir sind.

Ich war die Tage bei Tony Attwood in einer Vorlesung. Er beschrieb es so, dass er sich wünschen würde, dass jeder junge Autist eine Art Mentor zur Seite gestellt bekommen sollte. Er würde sich wünschen das jeder junge Autist einen erwachsenen Autisten als Wegbegleiter hätte. Der Gedanke gefällt mir gut. Könnte nicht darin auch eine neue Aufgabe für uns Erwachsene liegen? Jüngere auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter hinein zu begleiten? Könnten wir das trotz unserer Andersartigkeit und was bräuchte man eigentlich dafür?

Ich denke, da müssten wir uns erst einmal bewusst werden das wir hier tatsächlich eine Art Verantwortungsbewusstsein entwickeln müssten, um auch zu verstehen das manch eine Familie ohne Hilfe von uns an seltsame Therapien geraten, weil sie nicht verstehen oder sich nicht vorstellen können, dass wir auch erwachsen geworden sind. Das wir selbstständig leben können und das den meisten von uns ihre Andersartigkeit nichts ausmacht. Ich könnte mir ein normales Leben und denken gar nicht vorstellen und mag mich sogar so wie ich bin . Wäre es hier nicht unsere Aufgabe weiter auf die Eltern zu zugehen und ihnen zu zeigen: hey schaut her, wir sind hier und uns geht es gut. Wir gehen Arbeiten, haben Beziehungen , haben unsere Erfüllung gefunden und lieben unsere Spezialinterressen, damit der Autismus für diese Eltern nicht mehr so erschreckend aussieht?

Und die Jungen? Könnten sie nicht davon  enorm profitieren, das wir durch alles wo sie durch müssen, schon durch gegangen sind? Um so mehr ich darüber nachdenke wird mir bewusst, dass ich hier drin meine Aufgabe sehe. Ich habe  eine Verantwortung die ich nicht wegdiskutieren kann. Wenn wir die jungen und die Eltern nicht abholen … wer dann????

Ich denke darüber sollten wir noch viel mehr Nachdenken. Viele haben ja schon begonnen Blogs und Bücher zu füllen. Aber so ein Mentor wäre noch einmal eine ganz andere Aufgabe, die mit Sicherheit von vielen auch dankend angenommen werden würde.

Dafür müssten wir auch Berührungsängste abbauen und jedem signalisieren das wir redebereit sind und auch gerne unsere Erfahrungen weiter geben möchten. Ja, ich denke das ich den ein oder anderen Jungen wirklich begleitend zur Seite stehen könnte.

Last but not least: an alle Eltern mit autistischen Kindern – kommt ein wenig auf uns zu. Fragt uns. Nur wenn wir wissen das es euch da draussen gibt, können wir  beratend zur Seite stehen. Verantwortungsbewusstsein können wir da zeigen, wo es auch gewünscht ist. Nicht alles ist gut, was man an Therapien für uns bereit hält. Ein riesengroßer Dschungel aus Angeboten wollen gut durchforstet werden und so manch eine Familie ist damit schon alleine überfordert. Wir haben so einiges durch, haben Therapien hinter uns, können erzählen was für uns gut funktioniert hat und was nicht.

Darin sehe ich für uns Autisten eine Aufgabe. Eine Aufgabe die wir bewältigen können und die vielen von uns bestimmt sogar Spass machen könnte. Mentor zu sein, für andere da zu sein. Wir haben Erfahrung, liebe Eltern nutzt diese. Es gibt nichts wertvolleres als das eigene Kind auch zu verstehen und zu wissen das es Wegbegleiter hat, die sich wirklich damit auskennen. Damit eure Kinder nicht in die gleichen Fallen und Gefahren laufen, in die wir mehr oder weniger hinein geraten sind.