Netzspuren Teil 2

Während andere Netzbewohner sich weiter bei Knuddels rumtrieben und die Suchmaschine Lycos gerade von Google abgelöst wurde und man munkelte, dass es bald eine große Verkaufsplattform geben würde, löste ich mich von dort und ließ mich durchs Netz treiben. Immer auf der Suche nach etwas Neuem, etwas was mich fesseln würde, etwas worin ich mich verbeißen könnte. So klickte ich mich Seite für Seite durch. MSN Messenger und Yahoo kamen auf den Markt. Während die Massenchats immer mehr Ablauf hatten, installierten wir bereits MSN zum ersten Mal.

Ich klickte mich so durch unzählige Internetseiten. Nie verweilte ich lange auf einer Seite. Immer klickte ich schon nach wenigen Minuten weg. Mit den worten „langweilig, langweilig, langweilig…“

Doch dann erregte auf einmal etwas meine Aufmerksamkeit. Eine Gruppe von Leuten, augenscheinlich in einer vom Admin verlassenen Source. Ich schaute mich um und fand es spannend.  Es jagten sofort tausend Fragen durch meinen Kopf. Wie lange wohl so eine Source ohne Admin überleben kann? Da ich diese Frage schnell weiter gab, wurde die Gruppe Menschen auf mich aufmerksam und als sie dann auch noch erfuhren das mein Freund Admin war, waren sie nicht mehr zu halten und fragten, ob wir nicht Lust hätten mit ihnen etwas aufzubauen. Mein Freund und ich überlegten nur kurz, denn wir suchten ja gerade nach etwas Neuem und Spannenden. Da kam uns etwas das man erst aufbauen musste gerade recht.

Wir hatten schon so ein wenig Erfahrungen sammeln können. Hatten hier und da mal eine Internetseite gebaut oder auch mal ein Forum aufgesetzt oder halt mal Anderen geholfen bei der Server-Konfiguration. Damals war es noch eher eine Seltenheit, wenn man das konnte. Sowas dauerte auch meist ewig, weil wir gerade die Grenze zum 1 GB Ramspeicher feierten, aber nur wenige Rechner das in einem einzigen Riegel hatten. Wir kamen gerade mal so an 1 GB Ram heran. Das Internet brauchte teilweise ewig, um Seiten aufzubauen oder Grafiken anzeigen zu können.

Wir waren gerade seit einem Jahr ein Paar, als die Jungs uns fragten und wir zusagten ohne groß darüber nach zu denken. Yeah! Endlich eine neue Aufgabe. Das war das Gefühl das wir dazu hatten. Wir ahnten ja nicht, was da kommen sollte. Einer der Jungs bekam eine neue Source (Programm), und mein Freund konfigurierte den Server und packte sie drauf. Das dauerte ewig lange und ich langweilte mich fast schon wieder. Wollte ich wieder aufgeben, bevor es überhaubt online war? Bevor man sehen konnte was daraus wird ? Nein, dafür war ich zu neugierig. Das ging nicht. Das konnte ich nicht und so wibbelte ich auf meinen Stuhl neben meinem Freund, der sich das Fluchen wegen der fehlerbehafteten Source einfach nicht verkneifen konnte.

Es war eine Source bei der jeder Admin fluchte, wenn er sie übernehmen musste. Keiner wusste, was sich die Entwickler bei dem Teil gedacht hatten. So war es auch bei uns und mein Freund hatte einiges zu tun, bis das Teil den ersten Mucks von sich gab. Geil! Das Teil war endlich online und schien zu laufen. Hier an diesem Punkt fingen die Probleme eigentlich schon an, aber das sahen wir da noch nicht 😉

Was haben wir gedacht? Ich weiß es nicht. Wir waren fertig mit dem Aufsetzen, saßen zufrieden vor unserem Rechner während die Jungs immer mehr Freunden und Bekannten den Link gaben und das Programm mit Leben füllten. Mein Freund mochte es nicht so gerne, sich mit Usern auseinander zu setzen, während ich das sehr gerne tat. Also gab es eine unausgesprochene Arbeitsteilung. Ich war für die Leute da und gleichzeitig die Briefträgerin von den Usern zu meinem Freund. Er versuchte dann,  die ihm zu Ohren gekommenen Probleme zu lösen. Es war dabei immer wie verhext, denn es erwies sich als äußerst schwierig an der Source etwas zu ändern ohne das an anderen stellen 10-20 neue Probleme auftauchten. Es vergingen viele Tage des Fluchens und Ärgerns . An Tagen, an denen es gut lief und es mal nichts zu reparieren gab, freuten wir uns einfach darüber das immer mehr User den Weg zu uns fanden. 300… 400.. wir feierten.

Der Erste Server geriet an seine Leistungsgrenze und wir mussten einen Serverumzug machen. Kein Admin macht so etwas gerne und damals schon gar nicht. Tage waren wir beschäftigt den neuen Server vorzubereiten, während der alte immer mehr aus den Nähten platzte und immer mehr User, immer mehr Seitenabrufe produzierten, die der kleine Server stemmen musste. Mein Freund versuchte alles, um die Last so gering wie möglich zu halten, aber nichts half auf Dauer. Wir mussten einfach so schnell es ging umziehen. Mehr schlecht als recht kamen wir auf dem neuen Server an. Es dauerte noch ein paar Tage bis alles klappte und wir es genießen konnten.

Noch mehr User kamen. 800 .. 900… 1000. Immer mehr MSN-Fenster hatte ich gleichzeitig auf, um die Anfragen der User noch zu beantworten. Teilweise – und das war schon an meiner Leistungsgrenze – hatte ich 20 Chats gleichzietig auf. Beflügelt von den steigenden Userzahlen machten wir immer weiter. Wie im Rausch saß ich nun tagtäglich vor dem Rechner. Nur noch wenn es unbedingt sein musste ging ich raus und machte den Rechner aus. 1500 User schrillte die zahl auf….

Die Besucher wollten mehr für ihren Spass haben, wollten ein Forum haben, ein Chat sollte eingebaut werden, ein Kommunikationsprotokoll sollte rein, PN-Funktionen mussten mühsam programmiert werden.
5000 User..
ich war immer darauf fixiert die Userzahlen jeden Tag aufs neue zu kontrolieren und wenn sie wieder einmal gestiegen waren, kam ich aus dem Feiern nicht mehr raus. Als hätte wir an einer Line gezogen. Wie im Rausch waren wir nur noch darauf aus mehr zu tun, alle Wünsche der User zu erfüllen. Aber wie jeder Admin es kennt, hören User nie auf Wünsche zu äussern. Besonders nicht, wenn es so viele werden. 6000 User Ich fing an, beim MSN- Messenger nicht mehr ganz so oft online zu sein, und auf das Hallo das kam wenn ich es dann doch tat, folgten 20 Minuten Schließzeit für die Chatfenster.

In dieser Zeit lachten wir nur noch. Es machte Spass die Bedürfnisse der User zu befriedigen und zu zu sehen, wie sie die neuen Funktionen benutzten, wie sie die Spiele die wir einprogramierten wie irre spielten, den Chat nutzten oder die Shoutbox begrüßten. Mein Gott was für eine Party. 7000 User für damalige Verhältnisse schon sehr groß. Der server ächtzte unter der Last, die Datenbank drohte zu explodieren. Mein Freund kam das erste mal so richtig unter Druck und das merkte man auch. Er war versucht die kaputte Source weiter zu halten und trickste mit Aktionen, wie die Datenbank in ein Ram-Drive auszulagern.

Wir gingen kaum mehr schlafen. Um 2 Uhr Nachts gingen wir ins Bett und um 6 Uhr ging das Telefon, weil der Server mal wieder offline war. Mittlerweile versorgten wir eine Community mit Usern, wo andere einen ganzen Stab an Leuten brauchten. Manchmal drehte ich mich zu meinem Sofa rum und überlegte, wieviel Platz wohl alle Benutzer einnehmen würden, wenn die zeitgleich alle bei mir zu Hause wären. Ich kam zu dem Ergebnis, dass Arme und Beine aus Haustüre und Fenstern heraushängen müssten.  Und dann…..

10.000 User! 7.000 davon gleichzeitig online… und wir hatten es nicht einmal mitbekommen. Wir waren zu sehr damit beschäftigt zu streiten, weil ich auch mittlerweile in eine Art Zwiespalt reingeraten war. Zwischen den Usern die etwas wollten und meinem Freund, der mir sagte das man das nicht umsetzen kann. Meist wollte ich Erklärungen dafür, warum das nicht ging. Doch diese Zeit hatten wir einfach nicht mehr. Auf unserem Schreibtisch türmten sich nerdmäßig, Chips, Cola, Pizza und Tabak. Zum kochen kamen wir schon lang nicht mehr.

Tag X die source platzte …. oder doch wir ???

Wir waren eingeladen und hatten vergessen die Rechner auszumachen. Auf beiden lief MSN und ich hatte so ca. 700 Leute in meiner Buddyliste. Mein Freund ebenfalls. Irgendwas war los. Der Server war nicht zu erreichen wir waren nicht zu Hause. Dann kamen wir wieder. Mein Bildschirm war voller MSN Fenster und total eingefroren, meine Grafikkarte überhitzt und mein Rechner schwitzte vor sich hin. Ok. Neustart dachte ich. Neustart genau bis zu dem Punkt, an dem MSN hochfuhr und zack gingen hunderte von MSN Fenstern auf, mein Rechner frohr ein und Neustart. Mein Freund schimpfte. Bei ihm war es das Gleiche. Nach dem Hochfahren wieder hunderte von Fenstern offen. Der Rechner frohr ein, Neustart. Ich schaute, schon leicht am weinen meinen freund an, der nur noch mit dem Kopf schüttelte, weil die Leute uns wie irre  Nachrichten schickten, dass der Server weg sei. Dadurch konnten wir weder die Chatfenster so schnell schließen bevor unser Rechner einfror, noch den MSN beenden. Total verzweifelt schaute ich fassungslos, mit offener Kinnlade auf meinen sich quällenden Rechner und meinte nur, dass hat keinen Sinn mehr. Wir sind nur zu zweit und nicht ein ganzes Team das wuppen wir nicht mehr. Wir hatten zwar ein Team, aber ein Team von Moderatoren. Keine Admins.

Mein Freund schaute mich mit einem Blick an, und ich wusste genau, das war es jetzt. Mehr geht nicht mehr, mehr kann man nicht tun. Ich nickte ihm zu und wir setzten uns auf unser Sofa, das sehr lange Zeit einfach nicht benutzt worden war. Fasungslos schauten wir beide zum Rechner und die Frage die von mir kam, ließ uns die Tränen in die Augen schießen: „Und das war es jetzt?“ Mein freund nickte nur noch: „Ja, das war es jetzt“. Wir waren ausgebrannt. Am Ende. Wir namen uns in den Arm, blieben noch ein paar Stunden so beieinander sitzen. Danach standen wir auf, löschten alle Festplatten, setzten unseren Rechner neu auf und meldeten uns nie wieder bei der Source zurück.

3 Monate später erfuhren wir, dass der Folgeadmin es nicht geschaft hatte die Source aufrecht zu erhalten und sie ging für immer offline……..

Fazit: wenn ich Heute so zurück blicke, hatte die Source die wir am Anfang bekamen nichts mehr mit der zu tun, wie sie zum Schluss war. Sie bestand aus vielen einzelnen Modulen. Man könnte fast sagen, es war ein Art soziales Netzwerk entstanden, noch lange bevor es FB und Mark Zuckerberg im Netz gab.
Aber ohne großes Team und die nötigen finanziellen Mittel, hatten wir uns einfach übernommen und das, was einfach ein Freizeitspass werden sollte, wurde zur einer beständigen Qual für uns.

 

 

 

2 Gedanken zu “Netzspuren Teil 2

  1. Was für ein Dienst war denn das?

    Ich habe in meiner Netz-Anfangszeit Mailverteiler verwaltet, die zeitweise mehrere tausend Nutzer hatten (damals noch mit dem arg unhandlichen Majordomo).
    Das war trotz der hohen Nutzerzahlen recht entspannt.

    Interaktive Webseiten (so mit zig Kommentaren und so) zu verwalten ist schwieriger. Da muss man ja ständig dran, allein schon um nicht von irgendwelchen Abmahnanwälten abgemahnt zu werden.

  2. Klingt interessant, aber ich kann mir unter „Source“ einfach nicht so recht was vorstellen…

    Ich habe in meiner Beginnzeit ein BulletinBoardSystem aka eine Mailbox betrieben (Z-Connect, mit Prometheus auf dem Amiga), die auch rund 1000 Nutzer hatte, aber die lief schon mit einer Software, die dafür auch tauglich war – und so was wie MSN – Chats gab es zu dem Zeitpunkt eh noch nicht, das war noch vor der Boris „Bin ich schon drin?“ Becker – AOL – Zeit, aka bevor es Dinge wie das Internet für die Masse überhaupt gab. Irgendwann Anang bis Mitte der 90ger oder so müsste das gewesen sein…

    Irgendwann rauchte die Festplatte ab, und da die Nutzer eh alle so langsam in Richtung Internet abwanderten, fehlte mir die rechte Motivation, da noch mal komplett von vorne zu beginnen. Gefühl dürfte ungefähr eurem auf der Couch entsprochen haben. 😉
    Die Modems (28800er und ISDN) habe ich hier immer noch rumliegen…

Kommentar verfassen