Ein Leben im World Wide Web

Vor ein paar Tagen bin ich darauf gekommen mir mal Gedanken darüber zu machen, wann ich das erste mal im Netz gelandet bin.

Und alles fing mit einem Nicknamen an. Panta26. Bei uns in der Gegend so um 1996 rum hatte noch kaum einer Internet. Viele Haushalte besaßen noch nicht einmal einen PC. Da war der Haushalt meines damaligen Freundes schon sehr weit. Sie hatten einen PC und auch einen Internetanschluss, ich konnte nicht viel mit dem Namen Internet anfangen, begriff aber sofort das es sich hierbei um nützliche Informationen handeln musste. Das Einwählen ins Internet war nicht sonderlich leicht und hat dazu noch ewig gedauert, zwischen dem Laden einer Internetseite und dem Einwählen konnten teilweise Minuten vergehen. Dazu gab es in der Taskleiste ein Icon, das man nach aufrufen der Internetseite drücken musste um das Internet zu trennen, damit man in Ruhe den Artikel lesen konnte. Denn damals kostete das World Wide Web noch im Minutentakt Geld und es war richtig teuer. Wir waren mit Windows 95 unterwegs, was eh sehr langsam war.

Zwei Jahre später zog ich um und wohnte nun in einer Stadt in der man damals richtig schnelles Internet bekam. 1000er DSL. Mein eigener PC kam per Quelle. Was eine Freude. Noch viel toller war das Einrichten des Internets via Telekomsoftware…..

Das hat dann doch einiges an Zeit in Anspruch genommen. Auch fielen die Preise soweit runter, dass man es sich leisten konnte ca. 2 Stunden im Internet zu bleiben. Ungefähr hier fing meine Zeit im Netz richtig an. Mein Pc war aufgebaut, Internet ging und mit einem Kaffee setzte ich mich vor den Monitor. Der Einwahlbildschirm von der Telekom dauerte ewig bis das Programm sich wirklich einwählte und mir den Zugang erst einmal zur T-Online Homepage frei machte. Yeah endlich frei im Internet, von keinem erwachsenem kontrolliert und ohne größere Zeitbeschränkung. Nur die Seiten machten sich noch furchtbar langsam auf. So kämpfte ich mich vor bis zum T-Online Chat. Es gab noch keine Grafik, das machte den Chat etwas schneller als die bildbehaftete Startseite von T-Online. Auch die ersten Spiele gab es dort. Mahjongg und Solitär waren meine Lieblingsspiele. Der Chat hatte einige Räume und ich fühlte mich gerade unter dem Raum Les Gays am wohlsten. Meine erste Lektion die ich lernen sollte war: Erzähle deiner Mutter niemals in welchen Chats du dich aufhälst und mit was für Nicknamen du unterwegs bist. Das rief eine etwas peinliche Situation hervor,  als auf einmal meine Mutter in den Chat kam und laut in diesen hinein rief: „Hey ich habe  es geschafft ich bin drin……“

Wie gut das man damals keine Cams am PC hatte. So sah niemand meine hochrote Birne.

Flapsy war von nun an mein Nickname. Ich fand den schön. Meine Mutter ging andere Wege und ich traf sie nicht mehr Online. Nach einer langen Zeit Mahjongg und T-Onlinechat, machte ich mich auf die Suche was es denn noch mehr im Netz geben würde. Lycos hieß eine Suchmaschine, die mir empfohlen wurde. Google gab es ja damals noch gar nicht. Viel wurde auch nicht gefunden, schon gar nicht von Privatseiten. Ich landete auf einer Kontaktbörsenseite: Schwul sucht ihn, lesbisch sucht sie.
Da ich mich zu keiner Seite wirklich dazu gehörig fühlte, füllte ich da gleich mal eine Kontaktanzeige aus. 😉 Lektion Nummer zwei: Auf Kontaktanzeigen im Netz wird kaum oder nur komisch geantwortet.

Immer noch im World Wid Web, konnte man mittlerweile schon täglich 4 Stunden ins Netz gehen, ohne das man dabei arm wurde. Ständig popten Werbebanner mit Pornoseiten auf, die einen ewig aufhielten während man die Schließkreuze klickte. Angesagt war nun nicht mehr T-Onlinechat, nein, nun war es Chat-City. Blaue Aufmachung, die Seite brauchte ewig zum laden und man kam zuerst in eine Art dekorierten Schaufenster an. Chat-City war ganz ok. Man unterhielt sich gut. Nun konnte man auch langsam Bilder austauschen. Das dauerte alles im allem etwas lange. Die ersten Bildhoster kamen auf den Markt. Hochladezeit für ein kleines Bild auf dem man fast nichts erkennen konnte, ca. 10 Minuten. Lektion drei: Teile niemals irgendwelche Bilder, wenn du keine Ahnung hast das es Privatchats gibt, über die du gerade gemobbt wirst und es nicht merkst. 😉 Flapsy war erledigt und ich verabschiedete mich von ihr.

Igab kam ins Spiel, Chat-City hatte ausgedient, Knuddels kam auf. Dazwischen aber noch Lektion Nummer 4: die ersten Foren die ich besuchte waren irgendwie seltsame Foren. Das eine war ein Lesben-Forum. Das fand ich gut. Mußte dort aber die böse Erfahrung machen, dass wenn man postet, das man nur mit einer Dame einmal ins Bett möchte danach aber nichts weiter, das man dann garantiert einen Schittstorm der übelsten Art abbekommt. Auch als Frau………. Konnte ich so gar nicht verstehen 😉 Fazit: Ehrlichkeit war hier wohl nicht so angebracht *lach*

bei Knudels regte ich mich immer mächtig auf. Ständig wollten Leute mit mir privat Chatten. Ich dachte mir nichts dabei und fand es toll Leute kennen zu lernen, doch warum die dann immer anfingen von Sex zu reden, kam mir nicht in den Sinn. So schimpfte ich auf sie ein und Lektion 5 machte sich breit: zu 99%, wenn jemand mit dir in einen Prvatchat will, will er Chattersex mit dir. Was auch immer er davon hat, der Sinn dahinter erschließt sich mir bis heute nicht.

Igab verbrannt, mein nächster Nickname, mit neuem Freund der noch mehr vom Internet verstand und auch die Technik dahinter beherrschte. Zusammen fluteten wir also das Netz. Irgendwie immer im Doppelpack. Von da an gab es uns nur zu zweit im World Wide Web.

Tag ein, Tag aus. Kein Tag verging ohne Internet und das war gut so für uns. Google kam auf den Markt. Schnell hatten wir uns an Google gewöhnt und unsere alte Suchmaschine vergessen. Durch meine ewigen psychichen Probleme (damals wusste ich ja noch nichts von meinem Haustier, dem Autismus)  und auf der Suche nach Lösungen, fand ich auch immer irgendwie den Weg zu Selbsthilfeforen. In diesem Falle in ein Selbsthilfeforum für Missbrauchsopfer. Gerade richtig zur Vorratsdatenspeicherung. Der Ak-Vorrat und dieses Forum waren nun meine Lieblingsthemen. Politisch ging es darum, die Vorratsdatenspeicherung abzuwehren und im Netz ging der Aufruf rum, sich doch zu beteiligen und einen Text für eine Mitklägerschaft zu schreiben und dem Ak-Vorrat zukommen zu lassen. Gesagt, getan. Ich schrieb einen Text und schickte ihn mit meiner neuen Mailadresse weg. Dieser wurde tatsächlich veröffentlicht und an das Bundesverfassungsgericht geschickt. Ja, der Papier war zu dieser Zeit noch Präsident des Bundesverfassungsgerichtes. So wie ich im Nachhinein erfahren habe war mein Text über das mögliche Zwangsouting von Mißbrauchsopern tatsächlich einer der ausschlaggebenden Beiträge für das Urteil. Er wurde bei der Verhandlung sogar erwähnt. Die Vorratsdatenspeicherung wurde (vorerst) abgeschmettert.

Lektion 6: schreibt man eine E-Mail die hinterher veröffentlicht werden könnte und von sehr, sehr vielen Leuten gelesen wird, achte vorher darauf ob du auch alle 99 Fehler die enthalten sind gefunden hast und das dein Klarname am besten gar nicht in dieser Mail zu finden ist. Ich bekam den Text zum korrekturlesen. Die Jungs waren so nett, meinen Klarnamen zu ändern, aber die Rechtschreibfehler sind mir dann heute noch peinlich….

Dann folgte für mich die ultimativste Plattform. Das war das Tollste was ich je gesehen hatte. Das Beste was ich je an Internetseiten bedient habe. Das Höchste der Glücksgefühle, wenn ich sie bedient hatte. Yeah, das Teil war ja wohl nur für mich geschrieben. Den ganzen Tag hing ich davor, klatschte in die Hände, freute mich das es die Plattform gab. Wie eine Irre las ich und es wollten einfach nicht weniger Informationen werden. Die Plattform hieß ……… na wer kommt jetzt drauf ………  WIKIPEDIA! Sowas von geil das Teil. Lektion Nummer sieben: Behaubte niemals alle Artikel von Wikipedia von A-Z durchlesen zu können, und denke nie, dass Wikipedia so funktioniert wie ein Nachschlagewerk in der Offline Welt.

Doch irgendwann war das echt nicht mehr genug. Nein einfach nur Konsument des Internets wollte ich nicht mehr sein. Wie gut das ich meinen jetzigen Freund traf. Programieren ist super genial, wenn man es nicht selber tun muß :). So kam es dazu, dass wir vom Internetkonsumenten recht schnell zu Mitgestaltern des Internets wurden. So manch eine Internetseite  war wohl unser Verschulden, aber dazu später mehr.

Die letzten Jahre mag ich euch nicht vorenthalten aber die kommen im zweiten Teil…. sonst wird es zu lang.