Ein Meilenstein für mich

Für viele neurotypische Menschen stellt das Verreisen eine sehr kleine Herausforderung da. Für mich hingegen ist es ein wahrer Kraftakt und ein ständiges überwinden der eigenen Kräfte.

Vor ein paar Tagen fuhr ich nach Berlin, dieses mal sogar ohne die mir bekannte Begleitung durch meinen Freund. Eine andere Autisten mit weniger Orientierungsschwierigkeiten, reiste mit mir mit. Das gab mir etwas Sicherheit. Wusste ich doch, dass sie alles genau planen würde und sich die strecke vorher anschaute bevor wir los fuhren. Dennoch blieb gerade am Anfang die Angst. An einem Bahnsteig wollte ich sie treffen und bis dahin hatte ich furchtbare Magenschmerzen und die Gedanken: hoffentlich geht alles gut und ich bekomme sie auch eingesammelt. Hoffentlich verpasse ich sie nicht.

Trotz dem alles genau geplant war und ich auch für den Fall, dass ich sie auf dem Bahnsteig nicht finden würde, Ausweichstreffpunkte vereinbart waren, viel es mir sehr schwer ruhig zu bleiben.

In solchen Situationen sind meine Kontrollzwänge immer sehr ausgeprägt. So holte ich jede Minute meinen Zettel raus auf dem ich alles akribisch notiert hatte. Jeder Schritt stand darauf. Und nun war ich gerade bei dem Schritt zum Bahnsteig zu laufen, wo meine Mitreisende ankam und diese einzusammeln. Wie immer lief ich dort meine Kreise auf dem Bahnsteig, bis der Zug einfuhr. Dann wurde es hektisch.
Wo um Himmels willen war sie nur?
Die ganzen Leute die ausstiegen, sahen alle nicht so aus wie sie.
Habe ich sie vielleicht schon verpasst? Ist sie schon an mir vorbei gelaufen? Hat sie die Haltestelle vielleicht sogar verpasst? Oh nein, das dürfte auf gar keinen Fall passieren, denn dann wäre der Zeitplan total im Eimer.

Der Zug war schon wieder raus und ich scannte schon mit weit aufgerissenen panischen Augen die Gegend ab. Dann endlich endlich kam sie mir entgegen. Alle Anspannung fiel in diesem Moment von mir ab.

Ok. Punkt eins erledigt, abgehakt. Ich habe sie. Dachte ich bei mir während ich diesen Punkt auf meinem Zettel durchstrich. Autistin einsammeln erfolgreich überwunden ;-).

Zu zweit ging es nun deutlich besser, ich war nicht mehr ganz so nervös und wusste, nun passen zwei Leute darauf auf, dass wir die Zeitpläne einhalten. 10 Minuten später saßen wir auch schon im ICE nach Berlin. Ich konnte ruhiger werden, fast schon entspannt könnte man das nennen 😉 Zumindest was entspannt bei mir heißen könnte.

Die nächste große Anspannung wartete beim einchecken in das Hotel auf mich, ich hatte noch nie irgendwo in ein Hotel eingescheckt, auch wenn mein Freund vorher die Sätze mit mir trainiert hatte, war ich mir sehr unsicher. Mein Freund gab mir ein paar Sätze vor, die man sagen könnte. Z.B: „Entschuldigen sie, ich hatte gebucht und wollte einchecken.“ – oder aber: „Guten Tag. Ich hatte ein Zimmer für heute reserviert“. Nun stand ich kurz vor dem Hotel und fragte mich, welchen Satz ich denn nun nehmen sollte. Gesagt habe ich dann folgendes : „Entschuldigen sie für den guten Tag. Da ich heute ein Zimmer eingecheckt habe, möchte ich eins reservieren .“ 😉

Irgendwie wurde ich trotzdem verstanden und man gab mir zwei zimmerschlüssel ;-). zwischendurch brauchte ich immer mal wieder die Rückfrage per Telefon bei meinem Lebensgefährten ob alles in Ordnung wäre. Das gab mir die nötige Sicherheit. Auch mit meiner Begleitung fühlte ich mich wohl und so sicher das ich wohl das erste mal seit langer langer Zeit, ohne meinen Freund in einer Kneipe gewesen bin und ein Bier getrunken habe ….. ähhmmm.. wohl doch dann eher zwei ….

Die Reise war etwas neues für mich. Noch nie war ich so lange alleine unterwegs.

Für einen Neurotypischen Menschen wäre das eine der leichtesten Übungen,
doch ein riesiger Meilenstein für mich.

Ich habe es geschafft und bin ein wenig stolz auf mich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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