Selbstfindung

Den Hatte ich kurz vor meiner Diagnose vor zwei jahren geschrieben. Ich finde das er viel zu schade ist ihn weiter, in irgend einer schublade versauern zu lassen.
Ich bin der Meinung dieser Text wurde geschrieben um gelesen zu werden, darum stelle ich ihn Heute auf meinen Blog. 
Viel Spass beim lesen
 
Ich stand am Bahnsteig … wo wollte ich hin ? ich wusste es nicht genau . ich wusste nicht was mich erwartete. würde ich es als gut oder schlecht empfinden ?

denn schließlich hatte ich nie eine Gruppe , in der ich hinein gepasst hätte .
ich hatte keine Leute die mich verstanden hätten .
ja, das verstehen. das verstehen war immer schon ein Problem .
ein Problem von mir .
Denn entweder ich verstand die Leute in meiner Umgebung nicht ,
oder sie verstanden mich nicht .
ihr verhalten war mir so fremd . ich fühlte mich ständig wie eine Person in einem fremden Land
die die Sprache der anderen nicht verstand .

Ich hatte mich eingeigelt. hatte mir meine Umwelt so gestaltet das ich niemanden mehr verstehen musste ,
meist eingemottet und für mich total allein .

und jetzt stand ich auf den Bahnsteig in Richtung einer Gruppe , zu einer Gruppe , in eine Gruppe hinein .
ich war seit Jahren nicht mehr in einer Gruppe . „sind sie wirklich so anders ?“
„sind sie wirklich so wie ich ?“, schossen mir meine Gedanken einen Moment lang durch den Kopf bevor pfeifend und quietschend der Zug neben mir zum stehen kam .
es blieb keine zeit mehr und auch kein weg zurück für mich, nur Mut , nur vorwärts, hinein in den Zug der ratternd einfach so mit mir in Richtung der Gruppe fuhr .

hatte ich doch lange zeit einfach keine Worte dafür , konnte ich über Jahre mich einfach nicht erklären .
jemand hatte vergessen mir Worte für mein verhalten zu geben .
Worte die vieles erklärt hätten hat man vergessen mir bei zu bringen .
all das was ich ihnen nicht erklären konnte , all das was anscheinend an mir komisch war das ich aber nicht bestimmen konnte.
mein komplettes verhalten was nur auf Ablehnung stieß . wo man ständig geängstigt wurde „wenn du das, oder das denkst, sagst, oder wirklich meinst, gehörst du in die Psychiatrie“ , und vieles mehr wurden an Worte an meinen Kopf geschmissen .
aber es gab mir keiner Worte . Worte mit denen ich hätte erklären können . Worte mit denen ich mich hätte verständlich machen können .Worte die alles erklärt hätten .
Nein , diese Worte musste ich mir suchen , mühselig zusammensuchen . dabei fand ich mal hier ein Wort, mal dort ein Wort in Krankheitsbildern die es hätten doch sein können . aber wieder und wieder passte ich nicht wirklich hinein , es war so als wollte man versuchen ein Rechteck in ein viel zu kleinen Kreis hinein zu bekommen, ständig hatte ich das Gefühl mir Jacken (Diagnosen) anzuziehen die mir dann doch nicht passten .
Bei der einen waren die Ärmel zu kurz, bei der anderen schaute mein Bauch heraus .
wieder eine andere hatte kein Rückenteil .
es passte nicht, die Jacken passten nicht , die Diagnosen nicht ,die Worte nicht .

ich saß im Zug, der Gruppe näher kommend .
nervös wippend nahm ich die Leute um mich nicht wahr , so wie ich sie nie wahrnahm so wie ich sie eh nie sah .
sie störten nur, waren laut und zudringlich zu gleich .

nicht lange war es her, nur ein paar Momente , ein paar tage oder auch ein paar Wochen schon .
ich weiß es nicht so ganz genau .
da las ich ein Wort , bin darüber gestolpert, und mir war nicht klar warum, weshalb, oder wieso , aber ich musste einfach lesen .
AUTIST stand dort .
bitte was ist das ?
was ist das für ein Wort ?
Ich war zu neugierig um das Thema Thema sein lassen zu können .
ich fing an Texte zu lesen , Berichte zu wälzen .
einen nach dem anderen .
nach jedem Text, nach jedem Absatz , nach jedem Bericht , zog ich ein weiteres teil einer Jacke an .
erst der linke arm , vorsichtig nicht zu schnell .
ich mag nicht sehen wenn es wieder nicht passt , mag mich nicht hinein verirren .
mag keine Einbildungen erzeugen , doch der Ärmel passte .
er war Passgenau nicht zu kurz und nicht zu lang, genau richtig .
mich wühlte das auf , so wie sonst wenn ich eine neue Jacke anprobierte .
ich wollte nicht weiter , nicht weiter sehen .
ich zog die Jacke erst mal wieder aus , doch mit jedem Text mit jedem Bericht, mit jedem Wort ,formte sie sich weiter. mit jedem Gespräch das ich hatte , wurde die Jacke größer, besser und schöner .
wie all die Jacken die ich schon kannte .

die Jacke nahm ich zum guten Schluss mit zu meiner Ärztin , wollte ich doch fragen ob sie meinte das diese mir passt und ob sie mir stehen würde .
ihre Worte waren klar : „also nein, diese Jacke passt ihnen nicht“ .
die Jacke wollte ich nicht weglegen sie sah so passend aus , sie musste einfach passen.
und so entgegnete ich ihr : „erklären sie mir bitte, wie ist ein AUTIST ?“.
Und sie begann zu erzählen.
stockte bei jedem Satz .
und so langsam viel ihr auf;.und voll entsetzt und „geplättet“ ( so wie sie sagte) , entschuldigte sie sich gleich bei mir .
„natürlich , ein Autist!“.
sie stotterte fast als sie diese Worte vor sich hin murmelte, „ na ganz klar wie konnte ich sie nur nicht sehen? Entschuldigen sie .“

Sie entließ mich mit den Worten : „ziehen sie die Jacke an probieren sie sie an . prüfen sie sie , und sagen sie mir ob sie ihnen wirklich passt .“

der Treff der Gruppe , für mich nur der letzte schritt um zu schauen ob der Reißverschluss auch zu geht , ob die knöpfe auch alle dran sind , ob ich richtig lag.
so nervös war ich noch nie .
nur noch die Treppen hinauf und dann würde ich es wissen .
„ist meine Jacke heil ? oder hat sie löcher ?“, so schoss es mir noch schnell durch den Kopf , ehe ich die Gruppe sah , und sie wahrnahm .
mit jedem Satz der gesprochen wurde , mit jeder Gestik die ich verstand, mit jedem blick der vor den köpfen der Leute endete , formten sich die letzten knöpfe meiner Jacke .
sie war perfekt.
alles passte .
sie hatte keine löcher , der Reißverschluss ging zu , die Ärmel waren nicht zu lang und nicht zu kurz .
sie war warm , aber nicht zu warm .
sie war weich ,umhüllte meinen Körper so wie es vor ihr noch keine Jacke tat.

und ja, ich hatte endlich mein Wort gefunden , und ja endlich hatte man mir Worte gegeben die alles erklärten und ja ich war in diesem Moment wohl das erste mal so richtig zufrieden mit mir .
mit meiner Jacke , mit dem wie ich war , mit mir selber ganz für mich in mir.
alles stimmte überein , die Jacke passte und sie passt mir so gut , wie keine Jacke es jemals tat .

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