Autismus ist nicht immer ernst

Sicherlich ist Autismus ein ernstes Thema, welches sowohl Betroffene, wie auch Angehörige, oftmals stark belastet.
Umso wichtiger finden wir beide es, dass man auch mal mit Humor durchs Leben geht.
Und manchmal gelingt es sogar, die Nachteile der Behinderung als Vorteile zu nutzen.

Daher dachten meine Frau und ich, es wäre vielleicht ganz nett, wenn man ab und zu auch mal was eher lustiges zu dem Thema liest.

Die folgende Geschichte ereignete sich vor einiger Zeit in einem Discounter bei uns um die Ecke.

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Das Discounter-Massaker

Die folgende Geschichte ereignete sich bei unserem Stamm-Discounter um die Ecke.
Ich muss vorausschicken, dass wir in der Regel täglich dort einkaufen gehen. Zum Einen, weil meine Frau diese Rituale liebt und zum Anderen, weil wir einfach festgestellt haben, dass man bei täglichen Einkäufen weniger Geld ausgibt und weniger Lebensmittel wegwirft. Der Discounter um die Ecke war also de facto nichts anderes, als unser großer, begehbarer Kühlschrank.
Als wir an diesem Tag den Laden betraten, fielen uns sofort zwei Techniker auf, die im Eingangsbereich diese merkwürdgien Warensicherungsscanner installierten.
Sie wissen schon, diese Dinger mit roten Lampen obendrauf, die immer anfangen laut zu piepsen, wenn die Kassiererin vergessen hat, das Etikett zu deaktivieren.
Meine Frau hasst diese Dinger. In erster Linie deshalb, weil sie, wie viele Autisten, keine lauten Geräusche erträgt. Dazu kam, dass diese Dinger die dumme Angewohnheit hatten, unvermittelt loszugehen. Das führte obendrein bei meiner Frau zu einem Erschrecken, welches schon durchaus Herzinfarkt-Charakter hatte.
Während wir also unsere Tour durch den Discounter machten, rätselten wir darüber, welche Waren so ein Billigladen wohl sichern würde.
Während wir also durch die Gänge schlenderten, fiel uns auf, dass wesentlich mehr Personal als sonst im Laden beschäftigt war. Die Mitarbeiter waren fleißig dabei, diese kleinen schwarzen und weißen Warensicherungsetiketten an alle möglichen Waren zu tackern. Es machte den Eindruck, dass sie alles was teurer als zwei Euro war, mit diesen Etiketten tapezierten.
So ganz erschloss sich uns die dahinter stehende Logik jedoch nicht. Die hochpreisigere Aktionsware (allgemein bekannt als Wühltisch), wie zum Beispiel Computertastaturen, Kochtöpfe, Körperwaagen, usw. trugen keine Etiketten.
Schon auf dem Weg zur Kasse amüsierten wir uns königlich, ob dieser scheinbar sinnfreien Warenauswahl.
Als wir dann endlich in der Schlange an der Kasse standen, fiel uns auf, dass an der Kasse ein neues Gesicht zu sehen war. Scheinbar wurde gerade eine neue Auszubildende angelernt.
Sie wirkte sichtlich gestresst. Hektisch versuchte sie, die Waren so schnell wie möglich mit der Scannerkasse zu erfassen. Man muss wissen, dass diese Discounterketten eine feste Schlagzahl für die Mitarbeiter vorgaben. Soll heißen: die Mitarbeiter müssen eine fast nicht zu erreichende Zahl an Waren pro Minute über den Scanner ziehen. Das Ganze erinnert irgendwie an die Zeiten der Sklavengaleeren aus alten Piratenfilmen, bei denen ein großer, düster wirkender Kerl an einer Trommel den Takt für die Rudersklaven vorgibt.
Da saß also dieses kleine Häufchen Elend, hinter ihr die Filialleiterin, die ihr streng über die Schulter sah.
Diese Filialleiterin war eine eher unsympathische Person, die meine Frau überhaupt nicht leiden konnte. Sie war immer unfreundlich, ungeduldig und gab regelmäßig recht patzige Antworten.
Sie können sich also vorstellen, dass die arme, junge Auszubildende uns ziemlich leid tat.
In diesem Moment reifte in mir ein famoser Gedanke.
Ich wusste, dass meine Frau vor Kurzem mehrere Artikel zu diesen Warensicherungssystemen gelesen hatte.
Dadurch, dass meine Frau über ein visuelles Gedächtnis verfügt, hat sie den unschlagbaren Vorteil, sich solche Artikel (zumindest über mehrere Monate), jederzeit wieder vor das geistige Auge holen zu können.
Sie konnte dann beliebig durch die, in ihrem Gedächtnis gespeicherte, Internetseite scrollen und einzelne Passagen ganz nach belieben, wieder ablesen. Mit der Zeit verblassen diese Details zwar wieder, aber sie blieben in der Regel mehrere Wochen, bis Monate erhalten.
Als wir nun endlich an der Reihe waren und die Kassiererin unsere Waren über den Scanner zog, wandte ich mich der Filialleiterin zu und fragte: „Sagen sie mal, wie kommt man eigentlich auf die Idee, in einem Discounter solche Warensicherungsscanner zu installieren?“
Diese Frage hatte ich mit Bedacht gewählt. Wusste ich doch, dass das sechsläufige Gattling-Maschinengewehr, dass ich meine Frau nannte, direkt hinter mir stand und bereit war, verbal alles niederzumähen und zu zerfetzen, was es auch nur wagte, mit falschen Informationen aufzuwarten. Ich wusste, dass sie in solchen Momenten nicht anders konnte. Sie musste dann einfach, die Informationen, welche sie zu diesem Thema besaß, rausposaunen. Das tat sie dann mit einer leicht erhöhten, weil erregten, aber doch monotonen Vorlesestimme. Das wirkte auf Außenstehende immer recht schulmeisterlich.
Die Filialleiterin begann sogleich damit, mir die Vorzüge dieser Systeme zu erläutern. Sie klang dabei, als habe sie das Werbeprospekt des Herstellers auswendig gelernt. Sie faselte etwas von Sicherheit, Effizienz, dem Schutz der ehrlichen Kunden, usw.
Das war der Auslöser auf den ich gehofft hatte.
Das Maschinengewehr hinter mir lud durch und feuerte los.
In einer nicht enden wollenden Tirade von Fakten, zerlegte sie Stück für Stück die Argumente der unsympathischen Filialleiterin. Sie rezitierte Gutachten, die belegen, dass diese Scanner meist nur die ehrlichen Kunden treffen, da sie über eine Reihe von Sicherheitslücken verfügten.
Danach zählte sie wahllos einige Methoden auf, wie ein böswilliger Ladendieb die Systeme umgehen konnte. Das Ganze klang irgendwie, wie eine Bedienungsanleitung zum Ladendiebstahl.
Das sah die Filialleiterin scheinbar ähnlich.
Genüßlich sah ich zu, wie sich ihr Gesicht von einem gesunden, sommerlichen braun, zu einem Hellrot verfärbte. War sie zunächst noch peinlich berührt, öffentlich so demontiert zu werden, nahm ihr Gesicht langsam, vor Wut schnaubend, die Farbe reifer Pflaumen an.
Inzwischen hatte die arme Auszubildende unsere Waren gescannt und ich hatte bereits bezahlt.

Als meine Frau nicht aufhörte, wissenschaftliche Dokumente zum Thema Diebstahlreduzierung und Warensicherungssysteme zu rezitieren und ich langsam befürchtete, der Wutdruck, äh, Blutdruck der Filialleiterin, würde explosionsfähiges Niveau erreichen, nahm ich meine Frau beim Arm und zog sie an der Kasse vorbei mit den Worten: „Entschuldigen Sie, meine Frau ist Autistin. Sie kann Lügen nicht ertragen. Das hält sie für Energieverschwendung.“
Eilig verließen wir den Laden. Zurück ließen wir eine lachende Schlange von Kunden, eine gnadenlos bloßgestellte Filialleiterin, weißglühend vor Wut, und…..
eine zufrieden glucksende Auszubildende.
Zumindest ihren Tag hatten wir gerettet.

Überflüssig zu erwähnen, dass wir in den nächsten acht Wochen in einem anderen Discounter einkaufen gingen, bis sich die Wogen geglättet hatten.

Ein Gedanke zu “Autismus ist nicht immer ernst

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